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Saddam, die USA und kaspisches Öl

Heimbach-Eifel, 03.12.2002
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Am 12. November 2002 hat das ira­kische Par­la­ment die neue UN-Re­so­lu­tion über ver­schärf­te Waf­fen­kon­trol­len im Irak ein­stim­mig abgelehnt, doch der UN-Botschafter des Irak hat andern­tags schon durch­blicken lassen, dass der Vor­sit­zen­de des "Re­vo­lu­tio­nä­ren Kom­man­do­ra­tes", Sad­dam Hussein, die Re­so­lu­tion voll ak­zep­tieren wird und die Komvmis­sion alsbald einreisen kann.

Alles Andere als ein Einlenken Saddams hätte den Auto­ma­tismus einer so­for­tigen mi­li­tä­rischen Ak­tion der USA gegen den Irak ausgelöst. Schließlich haben sich die USA schon seit Monaten auf eine mi­li­tä­rische In­ter­ven­tion im Irak vorbereitet.

Bild-Grau_C-right.jpg Der Aufmarsch der US-Navy im persischen Golf und die Aktivierung der militärischen Stützpunkte in den ex-sowjetischen Republiken Zentralasiens sind in der Tat gewaltig. Dieser Aufwand soll vorgeblich nur der Ent­waff­nung des Saddam-Regimes und der Ter­ror­be­kämpfung dienen. Doch die US-Land­stütz­punkte in Zen­tral­asien werden offen­kundig auf Dauer errichtet, Russen und Chinesen bekunden un­ver­hohlen ihr Miss­trauen: "Die Amerikaner sind wegen des Öls da".

"Die Amerikaner sind wegen des Öls da?" Verwundert wird sich mancher diese Frage stellen, der nicht über die Vorgänge rund um das kaspische Meer informiert ist. Geht es den Amerikanern wirklich nur um die Entwaffnung und Unschädlichmachung gefährlicher Kampfstoffe des Iraks? Oder passt eine militärische Intervention der USA im Irak nur als Teil in ein großes, strategisches Puzzle, wenn es um die Erschließung und den Besitz großer Öl- und Erdgas-Ressourcen geht?

Bild-Grau_C-right.jpg Im Juli des vergangenen Jahres wurde das zweitgrößte Ölfeld der Welt vor der Küste Kasachstans im Kaspischen Meer entdeckt. Sofort begann eine neue Runde im Großen Machtpoker um die kaspischen Öl-Reserven. Mit dabei in der Runde ist natürlich die zur Zeit größte Militärmacht der Welt, die USA. Mit aller Macht wollen die Amerikaner ihre Abhängigkeit vom arabischen Öl drosseln und schieben dazu ein gefährliches Milli­ar­den­aben­teu­er an. Um an die Ölreserven am kaspischen Meer heranzukommen unterstützen sie skrupellose Ölbosse und machthungrige Despoten, wie den turkmenischen Diktator Saparmurad Nijazow. Besser bekannt als Turkmenbaschi, der "Führer aller Turkmenen", wie sich Nijazow seit Jahren nur noch nennt.

Neuerdings haben der britisch-holländische Rohstoffgigant Shell die Gunst von Nijazow verloren, umso mehr üben jetzt die Russen in Turkmenistan sehr großen Einfluss aus.

Ein Blick auf die Karte dieser Region offenbart die eminent wichtige Bild-Grau_C-right.jpg strategische Bedeutung, die die Anrainerstaaten des kaspischen Meeres haben. Das Mullah-Regime in Teheran hat eigentlich die besten Karten.
Die Iraner haben mit den Kasachen eine Deal ausgehandelt. Kasachstan liefert dem Iran per Schiff kaspisches Öl für den dicht besiedelten Norden, und der Iran verkauft für die Kasachen die gleiche Menge iranischen Öls auf dem Weltmarkt über den Hafen im Süden. Schon ab Ende diesen Jahres wollen die Iraner 100.000 Barrel pro Tag übernehmen. Im kaspischen Hafen Neka wurde dafür eigens ein neuer Terminal errichtet, von einer neuen 32-Zoll-Pipeline nach Teheran sind 42 Kilometer bereits gelegt. Zusätzlich hat die NIOC zwei neue Raffinerien im Norden der Hauptstadt gebaut, in denen in drei Jahren pro Tag bis zu 500.000 Barrel kasachisches Öl verarbeitet werden sollen. Der Öltausch wurde offensichtlich seit Jahren vorbereitet.

Alle Beteiligten freuen sich, nur einer nicht: die Regierung der Vereinigten Staaten. In Washington sieht man mit Argwohn, wie der als Mullah-Staat gebrandmarkte Iran seit dem Ende des Kalten Kriegs seine wirtschaftliche und politische Macht in das ehemals sowjetische Zentralasien ausdehnt. Gestützt auf Jahrtausendealte Bindungen der persischen Kultur und Sprache, die bis nach Indien reichen, hat sich Teheran zu einem der einflussreichsten Akteure im neuen Großen Spiel am Kaspischen Meer gemausert.

Die USA werfen dem theokratischen Regime vor, Massenvernichtungswaffen zu bauen und Terroristen im Nahen Osten zu unterstützen. Der amerikanische Kongress hat im Jahre 1995 Sanktionen gegen den Iran verhängt, die es amerikanischen Firmen verbietet, Geschäfte mit dem Land zu machen. Auch europäischen Unternehmen, die im Iran aktiv sind, droht das Gesetz mit empfindlichen Strafen in den USA. Seitdem hält das Embargo Ölkonzerne davon ab, eine Pipeline vom Kaspischen Meer zum Persischen Golf zu bauen. Die Iran-Route wäre, wie selbst amerikanische Ölchefs einräumen, kürzer, billiger und sicherer als alle anderen geplanten Leitungen durch Russland, die Türkei und Afghanistan. Statt dessen unterstützt Washington seit Jahren das Pipeline-Projekt von der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku über Georgien bis zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Seit kurzem in Bau, wird diese Röhre sowohl Russland als auch den Iran umgehen.

"Die Baku-Ceyhan-Linie wird als Industrieruine enden", prophezeit der irakische Ölchef Zadeh.

Würde seine Prophezeiung eintreffen, wäre das für die Amerikaner eine empfindliche Schlappe im Kampf um das kaspische Öl.
Vielleicht kalkulieren die Amerikaner so: Wenn erst einmal der Irak zur amerikanischen Hemisphäre gehört, könnte man als nächsten Schritt den Iran Bild-Grau_C-right.jpg unter ihre Fittiche bringen. Der CIA könnte es mittelfristig irgendwie schon richten, dass auch der Iran bei der UN als gefährlicher Kriegstreiber gebrandmarkt wird und den es zu bekämpfen gilt. Würden die USA diesen taktischen Schachzug gewinnen, dann wäre der Weg frei, das Ölpotenzial mit der dazu gehörenden Infrastruktur (Pipelines, Raffinerien usw.) am kaspischen Meer unter ihre Kontrolle zu bringen.

Aber bis dahin ist es für die USA noch ein weiter Weg. Erst ein Mal muss Diktator Hussein mit seinem Regime entmachtet werden. Saddam hat den Amerikanern aber vorerst nicht den Anlass gegeben, sein Land zu okkupieren um dort ein weiteres Sprungbrett zum begehrten kaspischen Öl einzurichten.

Für die Amerikaner wird also die Zeit knapp, Bild-Grau_C-right.jpg denn auch Chinas Kommunisten wollen mitmischen. Die Wirtschaft der Volksrepublik expandiert und boomt zur Zeit; 8% und mehr Zuwachsraten sprechen für sich. Folglich benötigt China für seinen hochdrehenden Wirtschaftsmotor dringend neue Ölkapazitäten.

Man braucht keine hellseherischen Fähigkeiten zu besitzen, um zu erkennen, dass in gar nicht ferner Zukunft die Gefahr eines dritten Weltkrieges heraufziehen kann. Die Supermacht USA, die aufstrebende Volksrepublik China, Russland und vielleicht sogar noch der Iran ständen sich im Interessenkonflikt um das kaspische Öl streitbar gegenüber.

Die ganze Rangelei um das Öl im kaspischen Meer und am persischen Golf wäre zu vermeiden, wenn sich die Industrienationen besinnen und vehement die Forschung und die Technologien für erneuerbare Energien forcieren und umsetzen würden.

Aber solange die USA den Weltklimakonferenzen entweder ganz fernbleibt oder nur drittrangige Delegierte sendet, ist die Hoffnung auf Abkehr v on fossilen Ressourcen- fressenden Industrienationen eher klein.


Friedhelm Rubach

Nachsatz: Wer mehr vom großen Machtpoker um das kaspische Öl erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch von Lutz C. Kleveman: "Der Kampf um das heilige Feuer - Wettlauf der Weltmächte am Kaspischen Meer", Rowohlt Berlin, 320 Seiten, 19,90 Euro

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