Gestörte Beziehungen

Heimbach-Eifel, 03.03.2003
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Kurz nach dem 11. September 2001 stand Kanz­ler Gerhard Schröder in New York am "Ground Zero" und sah fas­sungs­los auf die Trüm­mer, wo vordem noch das World Trade Center ge­stan­den hatte. An­ge­sichts der Tat­sache, was Al Kaida Ter­roristen dort an­ge­rich­tet hatten, gelobte er George W. Bush und den USA un­ein­ge­schränk­te Un­ter­stüt­zung im Kampf gegen den Ter­roris­mus.

Ein Jahr nach dem furchtbaren Anschlag vom 11. September 2001; G.W. Bush hatte gerade seinen alten Intimfeind Saddam Hussein wiederentdeckt und ihm mit Krieg gedroht, da sagte Gerhard Schröder mitten im Wahlkampf: "Eine deutsche Beteiligung an einem Irak-Krieg wird es nicht geben!" und bekräftigte seine Aussage später auch nach der Wahl.
Bush war über diese Äußerung des deutschen Kanzlers sehr verärgert und empfing nicht einmal den deutschen Außenminister Fischer bei seinem Besuch in Washington.

Als man glaubte, dass die deutsch- amerikanischen Beziehungen sich wieder zu normalisieren schienen, nahmen Ende Januar deutsche und französische Politiker mit Verärgerung die Kritik von Verteidigungsminister Rumsfeld auf, der sich über die ablehnenden Haltung der Länder Frankreich und Deutschland gegenüber einem Irak-Krieg mokierte. Bild-Grau_C-right.jpg Dieser hatte erklärt, beide Länder seien ein Problem. Sie gehörten dem 'alten Europa' an. Fischer wies dies mit den Worten zurück: "Ich denke nicht, dass unsere Haltung ein Problem ist." Fischers französischer Kollege Dominique de Villepin betonte in Berlin: "Wir haben ein Europa, das in die Zukunft schaut."

Die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika, die einstmals Freunde waren, sind seitdem empfindlich gestört.

US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld setzte inzwischen noch einen drauf, als er am 6.2.03 Deutschland wegen seiner Haltung zum Irak-Konflikt auf eine Stufe mit Kuba und Libyen stellte. Alle drei Länder würden die USA nicht bei einem möglichen Angriff unterstützen. Mit diesen Worten reihte der US-Verteidigungsminister Deutschland quasi in die Phalanx der sogenannten "Schurkenstaaten" ein. Der US-Botschafter in Berlin, Dan Coats, relativierte im ZDF indes die Äußerungen. Rumsfeld spreche nicht für die US-Regierung, so Coats.

Statt über die Äußerung Rumsfelds entrüstet zu sein, verlangte die Parteivorsitzende der CDU, Angela Merkel, von Kanzler Gerhard Schröder mittlerweile eine Regierungserklärung.

Donald Rumsfeld entpuppt sich in diesen Tagen als gefährlicher Falke, der im Verein mit seinem Präsidenten Großmachtgehabe an den Tag legt und noch mehr politisches Porzellan zerschlägt.

Bild-Grau_C-right.jpg Es wäre aber überspitzt zu behaupten: Wenn die USA mit dem Irak fertig sind, könnte es dann diesen drei genannten Staaten an den Kragen gehen?
Es ist doch die typische Überheblichkeit der Amerikaner, die übrige Welt nach ihrem Kalkül gängeln zu wollen, die ihnen sicherlich keine Freunde beschert, sondern den Hass der jetzt schon antiamerikanisch eingestellten Länder nur noch schürt.

Apropos Antiamerikanismus: Hierzulande ist noch wenig bekannt, dass es in Amerika einen Anti-Europäismus gibt.
Hier zwei Beispiele:
"Auf die Liste der politischen Gebilde, die ausersehen sind, im Urinal der Geschichte runtergespült zu werden, müssen wir auch die Europäische Union und Frankreichs Fünfte Republik setzen. Die Frage ist nur, wie unerquicklich ihre Auflösung werden wird" (Mark Steyn, Jewish World Review, 1.5.2002). Oder: "Wollen Sie wissen, was ich wirklich über die Europäer denke? Ich denke, sie haben sich in jeder wichtigeren internationalen Frage der letzten 20 Jahre geirrt" (Martin Walker, UPI.

In der Wochenzeitung "Die Zeit", Ausgabe 6/2003 schreibt Timothy Garton Ash unter dem Titel "Warme Brüder und EU-nuchen" unter anderem:
Ob in Boston, New York, Washington, in Kansas oder im Bibelgürtel: Wenn von Europa und den Europäern die Rede ist, kommt Gereiztheit auf. Sie übertrifft die letzte Verstimmung in den frühen achtziger Jahren bei weitem. Um "die Europäer" oder auch "die Euros", "die Euroiden", die "Eurowürstchen" anzuprangern, taucht man die Schreibfedern in Säure. Richard Perle, Vorsitzender des Defense Policy Board und ein führender Theoretiker der Bush-Regierung, bemängelt, Europa habe seinen "moralischen Kompass" verloren. Europäer gelten als Weichlinge, schwach, querulantisch, heuchlerisch, zerstritten, zuweilen antisemitisch. Zu oft erweisen sie sich als antiamerikanische Beschwichtiger. Sie sind halt "Eurowürstchen". Sie haben ihre Werte in multilateralen, transnationalen, säkularen und postmodernen Spielereien verloren. Statt für Verteidigung geben sie ihre Euros für Wein, Urlaub und aufgeblähte Wohlfahrtsstaaten aus. Und dann johlen sie von den Zuschauerrängen, während die USA das schwierige und schmutzige Geschäft erledigen, in der Welt für Sicherheit zu sorgen - auch für die Europäer. Die Amerikaner dagegen sind starke, prinzipiengeleitete Verteidiger der Freiheit, aufrecht im Dienst für das Vaterland, den letzten wahrhaft souveränen Nationalstaat der Welt.


Das wirft ein grelles Licht auf die deutsch-amerikanischen, aber auch europäisch-amerikanischen Beziehungen. Nach den neuen Erkenntnissen muss man sich fragen: Warum müssen die Europäer, insbesondere deutsche Politiker, vor den Mächtigen in Washington katzbuckeln, wie sie es seit Kriegsende mehr oder minder alle getan haben? Dass das Attribut "katzbuckeln" treffenderweise noch durch ein anderes ersetzt werden könnte, nämlich durch einen drastischeren Ausdruck (irgendwo hineinkriechen) erspar ich Ihnen und mir lieber.
Die Amerikaner brauchen das "alte Europa" zumindest dann wieder, wenn sie im Irak alles gründlich in Schutt und Asche gelegt haben. Denn allein können sie die Aufbauarbeiten nicht bewältigen, zumal sie dann enorme Summen für die militärische Aktion im wahrsten Sinne des Wortes verpulvert haben. Das bleibt dann wieder an den Europäern hängen, so geschehen in Jugoslawien und Afghanistan.

Wie wirkt sich aber das gestörte Verhältnis USA / Deutschland auf dem wirtschaftlichen Sektor aus? Schließlich ist Deutschland auf den Export nach Amerika angewiesen.

Der Handelsverband ist eben deswegen sehr besorgt. Mit scharfen Worten hat der Präsident des Bundesverbands des Deutschen Groß- und Außenhandels Anton Börner die deutsche Haltung in der Irak-Krise kritisiert: "Die deutsche Regierung kann damit nichts verhindern, aber wir können dabei nur verlieren" und meint damit wohl den Export nach Amerika.
Diese Aussage ist schlicht falsch, denn von "Krieg verhindern" war nie die Rede gewesen, wohl aber von einer Nichtbeteiligung am Krieg. "Sie (die Amerikaner) machen keine Geschäfte mit einem Kunden, den sie nicht leiden können".
Was wiederum ein Trugschluss ist, denn Herr Börner müsste eigentlich den amerikanischen Slogan kennen: "Business is usual".

Dies belegt auch eine Äußerung von Ian Johnson - Magazin "The Wallstreet Journal" -: "Die deutsche Haltung zum Irak-Krieg belastet die Beziehung zu den USA bis heute, weil George W. Bush die Kritik Schröders als persönliche Beleidigung empfindet. Aber darüber wird in unseren Medien kaum geredet. Wir brauchen Deutschland nicht, um Saddam Hussein zu beseitigen. Und unsere Bevölkerung interessiert sich mehr für den Aktienkurs von Daimler-Chrysler als für deutsche Außenpolitik."

Nach den Betrachtungen dieser Fakten wäre es doch wünschenswert, dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen wieder in Ordnung kämen. Schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass es die Amerikaner waren, die uns im kalten Krieg vor der Bedrohung aus dem Osten geschützt haben.

Wie lange die politischen Beziehungen beider Staaten gestört bleiben, hängt nicht zuletzt davon ab, ob der amerikanische Präsident seine sprichwörtliche Eigenschaft des "Nachtragens" vergisst und/oder sein "Kriegsminister" Rumsfeld nicht wieder aus der Rolle fällt.

Friedhelm Rubach

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