Miss-Bildung

Heimbach-Eifel, 14.12.2003
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Nein, der Titel dieses Artikels bedeutet nicht, dass hier über körperliche Gebrechen oder Missbildungen geschrieben wurde, sondern hier geht es um die Gefahr der Vernachlässigung der schulischen Bildung und Weiterbildung unserer Jugend.

Dass dies von elementarer und eminent wichtiger Bedeutung für den Lebensstandard und das Wohlergehen künftiger Generationen in Deutschland ist, wird wohl kaum jemand ernsthaft bezweifeln. Doch die Aussichten hierfür stehen zur Zeit denkbar schlecht.

   Die Ergebnisse der internationalen Schulleistungsstudie PISA 2000 war schon ein Schock für die deutsche Öffentlichkeit. In allen drei getesteten Bereichen - Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften - lagen wir unter dem OECD-Durchschnitt.

   Bildung sei "die zentrale soziale Frage dieses Jahrhunderts" und entscheide über die Zukunftsfähigkeit der gesamten Gesellschaft, sagte Kanzler Schröder am 13. Juni 2002 in einer Regierungserklärung vor dem deutschen Parlament, dem Bundestag in Berlin.

   Zusammen mit Bildungsministerin Edelgard Bulmahn appellierte Schröder eindringlich an die deutschen Bundesländer, sich der Mitarbeit bei einer Bildungsreform nicht zu verschließen und das Angebot des Bundes zur Errichtung von 10.000 Ganztagsschulen anzunehmen. Bulmahn sagte, in zehn Jahren müssten Deutschlands Schüler beim weltweiten PlSA-Schulleistungstest in der Spitzengruppe vertreten sein.

   Deutschland brauche ähnlich wie vor 30 Jahren eine "neue gesellschaftliche Debatte um die Qualität und die Inhalte der Bildung". Die Ausweitung der Ganztagsbetreuung sei aus familienpolitischen Gründen eine Notwendigkeit.

   Seit des Kanzlers Appell in 2002 ist aber nichts gravierendes geschehen.

   Erst in letzter Zeit macht speziell das Land Nordrhein-Westfalen von sich reden, es soll aber nicht eine längst fällige Bildungsreform her, sondern die rot-grüne Landesregierung will mit ihrer Verordnung der "innovativen Studiengebühren" erst einmal die Studenten zur Kasse bitten. In drei Stufen soll das neue Studienkonten- und -finanzierungsgesetz (StkfG) in Nordrhein-Westfalen dafür sorgen, dass das Studium teurer, verschulter und unwissenschaftlicher wird: Seit dem Sommersemester 2003 kostet das verspätete Zahlen des Semesterbeitrages und die Zweitschrift eines verlorenen Studentenausweises 25 Euro Strafgebühren. Ab Sommer 2004 werden "Langzeitstudenten und Studentinnen" im Zweitstudium mit voraussichtlich 650 Euro pro Semester bestraft werden, ab dem Sommersemester 2007 soll das komplette Hochschulstudium umstrukturiert worden sein und mit Studiengebühren in Form von so genannten Studienkonten belegt werden.

   Das "Studienkonten- und -finanzierungsgesetz" im Überblick:

  • 50 € Verwaltungsgebühren für alle pro Semester
  • 650 € Studiengebühren für Langzeitstudierende, Zweitstudium und Senior-Innen pro Semester
  • Kürzungen bei den Landeszuschüssen für die Studentenwerke um bis zu 25%
  • Steigerung des Sozialbeitrages auf 100 €
  • Abschaffung der studentischen Mehrheit im Verwaltungsrat
  • kein studentischer Vorsitz mehr
  • Ausschluss von Gewerkschaftern als Verwaltungsratmitglieder

Die anderen Bundesländer planen oder verabschieden in unterschiedlicher Form ähnliche finanzielle Belastungen für die Studenten.
Bild-Grau_C-right.jpg Die Folge: Studenten-Proteste in mehreren Bundesländern.
Vier Wochen dauert der Streik der Studenten in Berlin schon an. Aber auch in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wird gegen die geplanten Einsparungen an den Hochschulen demonstriert. Am Montag (15.12.03) starteten die niedersächsischen Hochschulen eine landesweite Aktionswoche. Als Höhepunkt ist am folgenden Mittwoch eine Demonstration vor dem Landtag in Hannover geplant.

Die Berliner Studenten setzten ihre vierwöchigen Proteste am Montag mit Mahnwachen und Vorlesungen auf öffentlichen Plätzen fort. Am Abend des 9.12.03 besetzten rund 20 Studenten die Landesparteizentrale der Berliner SPD. Die Studenten hätten ihre Forderungen vorgetragen und seien nach rund zweieinhalb Stunden wieder gegangen, sagte ein Parteisprecher. Man habe unter anderem über die Einführung von Studiengebühren und die so genannten Studienkonten diskutiert. "So geht die Bildung den Bach hinunter..." hieß es allgemein in Studentenkreisen, denn "... wer kann von den meisten Studenten die Studiengebühren schon aufbringen?"

logo-ABS.gif Die Studentinnen und Studenten wehren sich vehement gegen die für viele unzumutbare finanielle Belastung. Unterstützung erhalten sie auf der Website "Aktionsbündnis gegen Studiengebühren" (ABS) :
Ab sofort könnt ihr euch ein Widerspruchsformular herunterladen, um gegen mögliche Bescheide der Hochschulen Widerspruch einzulegen. Wenn ihr aufgrund eures Widerspruchs einen Widerspruchsbescheid der Hochschule bekommt, könnt ihr euch an den von ABS und Landes-ASten-Treffen organisierten Sammelklagen beteiligen. Die notwendigen Formulare findet ihr dann ebenfalls unter www.abs-nrw.de/klagen.php. Des Weiteren sollten sich alle Betroffenen auf unseren 650-Euro-Newsletter eintragen, um über weitere Maßnahmen informiert zu werden: - Einträge auf dieser Website.

   Den Satz "So geht die Bildung den Bach hinunter..." könnte man getrost ergänzen mit den Worten: "... und mit ihr die ganze Nation!".

   Schaut man sich die Entwicklung in anderen Ländern an, die noch vor einigen Jahren zu den "dritte Welt-Ländern" gehörten, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Besonders die Länder in Fernost haben erstaunliche Fortschritte gemacht, nimmt man nur einmal Indien als Beispiel: In Indien verlassen jährlich 200 000 Ingenieure und 300 000 andere Graduierte ihre Universitäten, Fach- oder Hochschulen. Sie hatten ihre Ausbildungsmöglichkeit entweder an 250 Universitäten, an 1500 Forschungszentren oder an mehr als 10 000 Fach- oder Technischen Hochschulen.

   Ziel Indiens ist es, im Zeitalter der Wissensgesellschaft das Land zum Hochtechnologie-Laboratorium für die ganze Welt auszubauen. Dieses Ziel ist durchaus realistisch einzuschätzen, weil heute schon eine viertel Million hochqualifizierter Techniker und IT-Ingenieure für die halbe Welt, u.a. auch für Deutschland, logistische Probleme lösen oder neue Computerprogramme erstellen.

   So kommt es nicht von ungefähr, dass die deutsche Lufthansa ihre Flugscheine in Indien schreiben lässt, Daimler-Crysler hat ebenso Arbeiten nach Indien ausgelagert wie die Deutsche Bank. Von den 1000 größten Unternehmen der Welt haben bereits ein Fünftel ihrer Geschäftsprozesse und IT-Bereiche nach Indien vergeben!
"Business process outsourcing" heißt diese Übertragung von Aufgaben an indische Softwarehersteller und qualifizierte Dienstleister.

   Mit großer Sorge muss man in Deutschland die Tatsache betrachten, dass auch deutsche Firmen, wie etwa der Software-Entwickler SAP, ihren Schwerpunkt nach Indien verlegen. Der Grund: Zum Einen sind die Gehälter dort viel billiger als in Deutschland, zum Anderen ist die Auswahl an hochqualifizierten Fachkräften viel größer. SAP hat bereits seit langem sein größtes Entwicklungszentrum im asiatisch-pazifischen Raum. In Deutschland sollen zwar keine Jobs wegfallen, es werden aber auch hierzulande keine neuen Arbeitsstellen geschaffen.

   Bis in die 60-er Jahre wurde in Deutschland das Bruttosozialprodukt hauptsächlich durch den Bergbau und die Schwerindustrie erwirtschaftet. Nachdem diese Industriezweige infolge Unwirtschaftlichkeit stillgelegt wurden, sollte die Dienstleistungsgesellschaft diese Lücke wieder schließen. Diese Arbeitsplätze sind nun wiederum durch den asiatischen Wirtschaftsboom in Gefahr.

   Indien hat der Welt deutlich vor Augen geführt, was mit intensiver Bildungsförderung erreicht werden kann. Nur in Deutschland verschließt man davor die Augen. Stattdessen baut man vor den Studenten und anderen Ausbildungswilligen hohe finanzielle Hürden auf.

   Wann wacht man in Nordrhein-Westfalen und im übrigen Deutschland endlich auf! Unsere Politiker sollten sich den berühmten Spruch von Gorbatschow zu Gemüte führen: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben"!

   Es ist höchste "Eisenbahn", wenn sich nicht bald bei den Politikern ein Sinneswandel für die wirklichen Prioritäten einstellt, könnte eines Tages der Zug in bildungspolitischer- wie auch in wirtschaftlicher Hinsicht für Deutschland abgefahren sein! Und mit ihm entschwindet dann der Wohlstand, oder was davon übrig blieb!

Friedhelm Rubach

 

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