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Der SS-Mann Oskar G.

Heimbach- Eifel, 28.04.2015

Am Dienstag –28.04.2015- wird vor dem Landgericht Lüneburg der Prozess gegen einen 93-jährigen eröffnet, der als SS-Unterscharführer im Vernichtungslager Auschwitz war.

Oskar Gröning heißt der 93-jährige, dem man jetzt nach 70 Jahren noch den Prozess machen will!

Die Vorgeschichte:

Bild-Grau_C-right.jpg Schon als Hitlerjunge begeisterte sich Oskar für das NS-Regime mit dem „Führer“ und wurde konsequenterweise 1939 NSDAP-Mitglied. Während des 2. Weltkrieges trat er freiwillig in die Waffen-SS ein. Stolz zeigte er sich in der Öffentlichkeit in der schwarzen Uniform. Als Uniformträger war man damals, im Gegensatz zu heute, immer eine Respektsperson. Als gelernter Bankkaufmann war er zunächst in der Besoldungsstelle der SS-Verwaltung tätig.

Wie kam Gröning in das KZ-Lager Auschwitz und was tat er dort?

Als 21-jähriger bekam dann Gröning von seinen SS-Vorgesetzten den Befehl „Sonderauftrag“. Zuvor musste er eine „Verschwiegenheitserklärung“ unterzeichnen, die von ihm äußerste Geheimhaltung über diesen „Sonderauftrag“ verlangte. Ihm sei nur gesagt worden, dass die neue Tätigkeit nicht angenehm, aber äußerst wichtig sei.

Bild-Grau_C-right.jpg Erst Ende September 1942 erfuhr er dann auch den Ort des „Sonderauftrages“ (Auschwitz), wo er dann als Buchhalter in der Abteilung Häftlingseigen­tums-verwaltung im KZ Auschwitz (siehe Bild rechts) den Dienst antrat. In dieser Funktion oblag ihm die Verwaltung des Geldes und der Wertge­genstände, das die Holocaustopfer bei sich getragen hatten.

Im Rahmen seiner Tätigkeit wurde er sowohl Zeuge des industrialisierten Massenmordes durch Gas als auch Zeuge weiterer barbarischer Handlungen von den KZ-Aufsehern an den Insassen. Er stellte nach eigenen Angaben insgesamt drei Versetzungsgesuche an die Front. Am 17. Oktober 1944 versetzte ihn die SS schließlich zu einer Feldeinheit, die in der Ardennenoffensive kämpfte.

Was waren eigentlich die Beweggründe Grönings, Auschwitz den Rücken kehren zu wollen? Waren es die unglaublichen Gräueltaten seiner „SS-Kameraden“ im KZ-Lager oder die NS-Linientreue, das „Dritte Reich“ zu verteidigen? Das könnte nur er beantworten, was aber bisher nicht bekannt wurde.

Die Nachkriegszeit

Bild-Grau_C-right.jpg Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz von der roten Armee befreit und die überlebenden Gefangenen gerettet. Unter den befreiten Opfern befand sich auch die 10-jährige Eva Kor mit ihrer Zwillingsschwester, zu sehen auf dem Bild in der ersten Reihe, wo sie Hand in Hand das KZ verlassen. Nach 70 Jahren sollte sie dem SS-Mann Gröning die Hand zur Vergebung und Versöhnung reichen.

Gröning selbst kam nach Gefangenschaft und anschließender Internierung in England 1948 frei. In seiner Heimatstadt erhielt er eine Anstellung als Buchhalter in einer Glasfabrik und stieg dort später zum Personalchef auf. Als ehrenamtlicher Richter(!) war er zudem für zwölf Jahre am Arbeitsgericht Nienburg tätig!

Erst 1985 begann ein Ermittlungsverfahren gegen Gröning, jedoch stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren später wieder ein.

Als 2005 die britischen Rundfunkanstalt BBC einen Dokumentarfilm über Auschwitz drehte, erklärte Gröning in einem Interview der BBC und auch dem Spiegel: „Ich fand es als meine Aufgabe, jetzt, in meinem Alter, zu Dingen zu stehen, die ich erlebt habe. Weil ich den Leugnern sagen will:
Ich habe die Krematorien gesehen, ich habe die offenen Feuerstellen gesehen. ... Ich war dabei.

Zeuge in Nachkriegsverfahren

Oskar Gröning sollte als Zeuge in einem Nachkriegsprozess gegen einen SS-Mann aussagen, der direkt an der Ermordung von KZ-Häftlingen beteiligt war.
Zum damaligen Zeitpunkt galt Gröning als juristisch unschuldig und wurde deshalb nicht angeklagt. Die Presse gab ihm den Beinamen „Buchhalter von Auschwitz“.

War Justitia von 1966 bis 1979 auf dem rechten Auge blind?

Sieht man sich die Urteile in der Zeit der "Entnazifizierung“ an, so kommt man zu dem Schluss, dass viele Nazigrößen mit einem blauen Auge davon kamen und nur geringe Strafen erhielten oder sogar gänzlich straffrei blieben.
Bild-Grau_C-right.jpg Das markanteste Beispiel ist Kurt-Georg Kiesinger, der trotz seiner NS-Vergangenheit 1966 zum Bundeskanzler der BRD gewählt wurde!

Kiesinger war von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP und auch Mitglied der SA-Abteilung National­sozialistisches­ Kraft­fahrkorps (NSKK). Er wurde Angestellter im Auswärtigen Amt des „Dritten Reiches“ und fungierte zuletzt als Stellvertretender Leiter der damaligen Rundfunkabteilung.
Nach 1945 wurde er Mitglied der CDU und damit Politiker im Bundestag!

Wieso Kiesinger im "Entnazifizierung-Prozess" seine reine Weste behielt, ist mir bis heute ein Rätsel und erregt immer wieder Kopfschütteln und nachträgliche Empörung, war doch Kiesinger selbst ein Mitglied dieses mörderischen NS-Staatsapparates, sogar an exponierten Stellen.
Er musste von den Menschen-Vernichtungslagern gewusst haben!

Statt einer Verurteilung erhielt der Alt-Bundeskanzler bei seinem Ableben ein Staatsbegräbnis 1. Klasse. Wohl weil er sich gleich in 2 Staats-Strukturen Verdienste erwarb?

Änderung des Gesetzes auf Beihilfe zum Mord

Die Verjährung für Mord war im Jahr 1979 per Gesetz gänzlich aufgehoben worden. Etwa im Jahr 2011, spätestens mit dem Urteil gegen John Demjanjuk, hatte sich die Rechtsprechung auch im Hinblick auf Beihilfe geändert.

Mittäterschaft bei Massenmord wurde neu beurteilt. Der Nachweis einer unmittelbaren Beteiligung an einem Tötungsdelikt in einer Vernichtungsstätte ist seitdem nicht mehr notwendig. Im Gesetzestext heißt es ausdrücklich: Jede Beschäftigung in einer Tötungsfabrik, beispielsweise offiziell als Aufseher oder Koch, kann für die Anklage wegen Beihilfe zum Mord ausreichend sein.

Der aktuelle Prozess gegen Oskar Gröning beginnt am 28.4.2015

Mag sein, dass die deutsche Justiz erst jetzt (2015) erkannte, dass man in Gröning den wahrscheinlich letzten lebenden SS-Mann hatte, der in Auschwitz dabei war.
Wegen seines hohen Alters wurde es aber Zeit, die Gelegenheit nicht zu verpassen, einen neuen Prozess gegen Gröning anzustrengen, wobei man die Kriterien, die 1979 im Gesetz verankert wurden, anwenden könnte und Gröning wegen Beihilfe zum Mord bzw. Massenmord in „last minute Manier“ zu verurteilen. Es hat den Anschein, dass dieser Prozess ein „Stellvertreterprozess“ werden soll und zwar für alle die vielen „kleinen Grönings“, die bei Lebzeiten immer durch das Raster fielen, aber heute nicht mehr belangt werden können, weil sie bereits verstorben sind.

Was droht nun dem 93-jährigen Gröning im Prozess?

Wie oben unter dem Kapitel Änderung des Gesetzes auf Beihilfe zum Mord bereits erklärt, kann Gröning nach § 27 StGB wegen dieses Satzes verurteilt werden: „Jede Beschäftigung in einer Tötungsfabrik, beispielsweise offiziell als Aufseher oder Koch, kann für die Anklage wegen Beihilfe zum Mord ausreichend sein.“

Gleichwohl hat man aber bei der Verfassung des Gesetzes nicht berücksichtigt, dass ein potentieller Beihilfe-Täter nicht freiwillig in so eine „Tötungsfabrik“ gelangen könnte! Gröning war SS-Mann und hatte den Befehl auszuführen, dem ihm seine Vorgesetzten aufgegeben hatten. Folglich musste er im KZ Auschwitz die Tätigkeit eines Buchhalters ausführen, wenn er nicht selber in der Gaskammer enden wollte!

Hätte der SS-Unterscharführer denn als Held aufbegehren sollen, als man ihm den Befehl gab, nach Auschwitz zu gehen? Wusste er denn vorher, was ihn in Auschwitz überhaupt erwartete? Er selbst musste eine „Verschwiegenheitserklärung“ unterschreiben, die sich auf seinen „Sondereinsatz“ bezog.

Auch wenn Gröning vor seinem Einsatz in Auschwitz tatsächlich gewusst hatte, was sich im KZ abspielte, sollte oder musste er nach heutiger Auffassung vieler Klugscheißer den Helden abgeben und den „Märtyrer-Tod“ sterben? Gerade die Elitetruppe des „Führers“, die SS, hatte einen eigenen Codex und hätte nach der Befehlsverweigerung mit Gröning kurzen Prozess gemacht. Er war nicht „...Einer dieser willfährigen Gesellen, die den Genozid möglich machten.“ wie es in der Süddeutsche Zeitung stand, sondern nur ein Befehlsempfänger mit allen Konsequenzen der damaligen Zeit.

Alle Journalisten, die solch einen Unsinn schreiben, haben die NS-Herrschaft nicht verstanden und haben bis heute keine Ahnung, wie rigoros und brutal Ungehorsam oder gar Rebellion gegenüber dem „Großdeutschen Reich“ und dem „Führer“ bestraft wurde.

Apropos Befehlsverweigerung, ist Ihnen noch “Der Fall André Shepherd“ in Erinnerung? Das war doch der amerikanische GI, der in Deutschland sich von der US-Army abgesetzt hatte, desertierte und in Deutschland um Asyl bat! Das Asylrecht wurde ihm von den deutschen Behörden nicht gewährt. Letzten Endes wurde er gefasst und in Amerika zu 130 Jahren Haft verurteilt! Das alles geschah nicht im Krieg!

Als Zeitzeuge erlaube ich mir, ein Plädoyer für Oskar Gröning zu halten: Der Prozess gegen Alt-SS-Mann Gröning, der nach 70 Jahren jetzt erst ins Rollen gekommene ist, ist meines Erachtens ein „Stellvertreter Prozess“ und gleicht einem Schauprozess, wie er sonst in totalitären Staaten stattfindet. Hunderte Journalisten aus aller Welt, auch Reporter von New York Times und BBC sind akkreditiert. Die Welt hat mal wieder Gelegenheit, ein großes Spektakel um einen alten Mann mit Nazi-Vergangenheit zu inszenieren, es könnte ja "leider" das letzte dieser Art sein.

Der jetzt initiierte Prozess gegen den ehem. SS-Mann Gröning ist, schlicht gesagt, eine Farce!

Bild-Grau_C-right.jpg Dass die Auschwitz überlebende Frau Eva Kor dem alten SS-Mann verziehen und ihm die Hand gereicht hat, verdient Respekt und Hochachtung. Alle anderen Überlebenden wollen nur noch Rache (an wen jetzt?) und verachten Frau Kor.
Wie lange noch soll die unrühmliche NS-Vergangenheit Deutschlands immer wieder in öffentlichen Veranstaltungen unselige Urständ feiern?

Die Türkei zum Beispiel lehnt „ihren Völkermord“ an den Armeniern kategorisch mit der Begründung ab, weil dieser Massenmord im Vorgängerstaat Osmanisches Reich begangen wurde.
Das ist auch eine Vergangenheitsbewältigung extremer Art, nur mit anderen Vorzeichen.



Friedhelm Rubach



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