Der neue Flüchtlingstreck

Heimbach- Eifel, 13.12.2015

neu-Fluechtlingstreck.JPGFlüchtlinge auf dieser Route hier hat bisher kaum jemand auf dem Schirm, sie beginnt in Afghanistan, geht in den Iran und dann weiter in die Türkei...“ mit diesen Worten begann die Moderatorin von Report München der ARD am Abend des 1.12.2015.

Diese einleitenden Worte weckten sofort mein Interesse, weil das ein neuer Aspekt zum leidigen Thema Flüchtlingsprobleme in Deutschland war. Am nächsten Tag begann ich hauptsächlich mit der Aufzeichnung des Tons des ARD-Reports-München von der Mediathek der ARD, um das Thema, so gut es ging, in Textform den Lesern zugänglich zu machen. Am Ende dieses Artikels finden Sie dann noch einen Link zur ARD-Mediathek, wo Sie die Report Sendung selbst nachträglich ansehen können. Eine Garantie kann ich dazu nicht geben, dass in der Mediathek die Original-Aufzeichnung noch vorhanden ist, weil ältere Aufzeichnungen von der ARD auch gelöscht werden. Versuchen Sie es nur unten (Der Link ist mit einem Pfeil gekennzeichnet).

Doch nun weiter im Report-Text:

Lt. deutscher Sicherheitskreise sollen bereits 100.000 Afghanen ihre Heimat verlassen und die iranische Grenze legal, aber auch illegal, passiert haben, die im Transit durch den Iran nach Europa wollen. Diese Angaben wurden von offizieller iranischer Seite bestätigt. „Seit ungefähr 5 Monaten hat dieser neue, große Flüchtlingsstrom begonnen, einige hatten vor, im Iran zu bleiben, aber die meisten wollen weiter, nach Europa“. Sagte ein offizieller iranischer Beamter. Die afghanischen Flüchtlinge, die noch im Iran sind, planen ihre Flucht, denn im Iran sind sie unerwünscht! GuestCity.jpg Es gibt im Iran eine Stadt, eigens nur für Flüchtlinge, mit dem Namen „Guest City“. Das Klingt nach Willkom­menskultur, ist es aber nicht. In diesem Camp wohnen seit Generationen afghanische Flüchtlinge, nur geduldet und unerwünscht von der iranischen Regierung. Ausgegrenzt von der iranischen Gesellschaft sind sie nur Bürger 2. Klasse. Ihre Kinder kommen schon in der 3. Generation als Flüchtlinge auf die Welt und bleiben es.

Der Student Mohamad Khavari, auch in 3. Generation Afghanischer Flüchtlinge im Iran, erfährt jeden Tag von Freunden Erfolgsgeschichten, die in den letzten Wochen in Europa angekommen sind. Er äußert sich vor Mikrofon und Kamera der ARD: „Die junge Generation erhoffte sich von der neuen Regierung eine Verbesserung in der Wirtschaft und der Sicherheit, aber leider ist die Situation schlimmer geworden, sowohl die Sicherheit als auch die wirtschaftliche Lage. Die jungen Afghanen haben keine Motivation, hier zu bleiben“.

Eine junge Frau erzählt der ARD Korrespondentin: „Meine Freunde, die in Europa angekommen sind, erzählen, das man sie freundlich aufnimmt und um sie kümmert, besonders in Deutschland. Dort gibt es bessere Arbeitsbedingungen. Die meisten, die gegangen sind, gingen noch mal. Wenn sie ihr Gehalt ihren Familien hier im Iran schicken, dann ist das hier natürlich sehr viel mehr, als sie hier je verdienen könnten.

Die meisten Afghanen im Iran leben in einem Camp und bewegen sich illegal im Land, verdienen ihr Brot als Tagelöhner.

Lt. der UN-Flüchtlingsorganisation gibt es 1,5 bis 3 Millionen Afghanen illegal im Iran, ohne rechtliche Sicherheit. Die meisten verdienen ihr Brot als Tagelöhner. Hoffnung sehen alle nur in Europa.

Weiter erfährt der Zuschauer, dass bereits fast 4 Millionen Afghanen seit Jahren legal und illegal im Iran leben, ohne Chancen, ohne Zukunft. Immer mehr von ihnen machen sich jetzt auch auf den Weg nach Deutschland. Wie von den recherchierenden ARD-Journalisten berichtet, kann sie keine politische Kampagne von ihrem Ziel abhalten. So ist eine Kampagne der Bundesregierung, die im Kampagne-Poster.jpg überdimensionalen Poster-Format an Straßen und Plätzen stehen, die Einwohner und Flüchtlinge mit eindringlichen Worten mahnt, sich nicht auf den Flüchtlingstreck nach Europa und Deutschland zu begeben, vollkommen wirkungslos.

Die ARD Korrespondenten beweisen das mit Interviews, die sie mit Afghanen und Iranern geführten haben. Auf die Nachfrage, was die Leute von der Kampagne in Afghanistan denken: „Wir haben davon im Fernsehen gehört, man sagt uns: zieht nicht, aber wer akzeptiert das? Die nicht ziehen sollen, haben alles verkauft und dann sagt man ihnen, sie sollen nicht gehen?

In Kabul hängen ebenfalls die riesigen Plakate der deutschen Kampagne an großen Straßen der Hauptstadt auf denen steht: „Afghanistan verlassen? Sind sie sich sicher? Gründlich darüber nachgedacht? Afghanistan verlassen?“ Hinter dieser Kampagne steckt die Bundesrepublik Deutschland.

Die Antwort ist jedes Mal die gleiche: “… hier haben wir keine Chancen und keine Zukunft".

Das ARD-Team drehte heimlich bei einer Passbehörde in Kabul. Über 2.500 Pässe werden pro Tag für die Ausreise beantragt. Offiziell erfährt das Team von dem Leiter der Passbehörde, Sayed Omar Saboor: „Für diese Massen haben wir nicht genug Beamte und technische Möglichkeiten, um dem Andrang gerecht zu werden".

Auch Auftritte des deutschen Botschafters in Kabul des Iranischen Fernsehens gehören zu der Kampagne. Botschafter Markus Potzel weist im Besonderen auf die großen Gefahren auf dem Fluchtweg nach Deutschland hin.

Doch was die Afghanen vor Ort von der deutschen Kampagne halten, erfahren die ARD-Journalisten: „Das bringt überhaupt nichts. Es hat überhaupt keinen Sinn, ich bin Taxifahrer, es ist bereits Nachmittag und ich habe noch nichts verdient, wie kann so ein Poster uns von einer Flucht abhalten, wenn es überhaupt keine Arbeit in diesem Land gibt, keine Sicherheit“.

Auch im Iran warnt die UN-Flüchtlingsorganisation vor einer Flucht nach Europa, doch die Flüchtlinge wollen sich von nichts abhalten lassen, von ihrem Ziel, etwas aus ihrem Leben zu machen. Eine Frau von der internationalen Hilfsorganisation, die nicht genannt werden wollte, erzählt der ARD-Journalistin: "Nach den Willkommensworten der Bundekanzlerin Merkel sind spontan ein Drittel der registrierten Flüchtlinge noch über Nacht aufgebrochen, nur Richtung Deutschland"!

250.000 Afghanen hat der Iran im vergangenen Jahr an einer Ausreise Richtung Europa gehindert und in ihr Heimatland Afghanistan abgeschoben. Doch wie lange wird der Iran die vielen afghanischen Flüchtlinge noch zurückhalten?

Die UN-Flüchtlingsorganisation in Teheran mahnt, dass der Sommer nur ein Warnsignal war.

Das ARD-Team bestand aus:
Bericht: Natalie Amiri
Kamera: Ehsan Monajati und
Thomas Schürer (Schnitt)


pfeilrechts.gif Sie können den Original-Bericht in Bild und Ton in der Mediathek der ARD hier finden. Achtung, Die Sendung "Report" umfasst insgesamt 3 Berichte, dieser relevante liegt ca. in der Mitte des Streams!
Sie können sich beim Suchen in der Mediathek am Screenshot (hier oben das Bild unter der Überschrift mit der Moderatorin und der Flüchtlingsroute im Hintergrund) orientieren.

Zusammengestellt und zum Teil kommentiert: Friedhelm Rubach

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