Der Vielfraß mit den schwarzen Punkten

Erstaunlich, was sich auf wenigen Quadratzentimetern Wald abspielen kann: Fortpflanzungswunder, Massaker und Weidekriege. Beteiligt an diesem Kampf ums Dasein sind Blattläuse, Marienkäfer und Ameisen.

marienkaefer-300x225.JPG Im Volksmund heißt er Herrgottskäfer, Sonnenkälb­chen, Gottesschäflein oder schlicht Glückskäfer - was ganz eindeutig belegt, dass der Marienkäfer bei den Menschen beliebt ist, Zum Teil liegt das sicher am freundlichen, bunten Aussehen: meistens mit roten Flügeln und zwei, sieben, zehn oder 22 schwarzen Punkten, wobei die Punkte, um diesen Irrtum gleich zu korrigieren, nicht etwa das Alter angeben.

Marienkäfer leben gewöhnlich nur ein Jahr lang. Anfang Mai legt ein Weibchen bis zu 1000 befruchtete Eier ab. Daraus schlüpfen graue, braune oder gelbe Larven, die sich dreimal häuten und anschließend verpuppen. Nach eineinhalb bis zwei Monaten ist die neue Marienkäfer- Generation fertig. Sie fällt Anfang Oktober in Winterruhe, meistens unter dem Laub- oder Nadelteppich, oft unter lockerer Baumrinde oder in Baumstümpfen. Dabei sind schon Überwinterungs­sozialisationen von Millionen Käfern entdeckt worden, die bis in den April hinein schlafen. Das alles gilt für Marienkäfer in Europa. In heißen Ländern geht das wesentlich schneller. Der Entwicklungsprozess vom Ei zum neuen Käfer dauert hier nur 14 bis 16 Tage. Pro Jahr werden also mehrere Generationen erzeugt. Unter günstigen Umständen kann ein Weibchen Millionen Nachwuchskäfer produzieren.

Das ist wichtig, wenn wir jetzt zum wahren Grund für die Beliebtheit der Marienkäfer kommen: Die meisten der mehr als 4000 Marienkäferarten, zum Beispiel 68 Prozent aller in Europa vorkommenden Gattungen, sind begehrte Schädlingsbekämpfer. Sie fressen unter anderem Blatt- und Schildläuse, Mehltaupilze, Milben und Blattflöhe. Schon Marienkäferlarven können bis zu 50 Blattläuse vertilgen. Sie bohren die Körper an und saugen sie aus. Ein ausgewachsener Käfer bringt es dann in einem Sommer auf bis zu 1000 Blattläuse, Er zerkaut und verschlingt seine Beute. Wenn wir jetzt noch einmal rechnen, kommen wir auf gigantische Zahlen: Ein Weibchen kann mehr als eine Million Nachkommen haben - und jeder Käfer verschlingt bis zu 1000 Blattläuse. Das geht in die Milliarden...

Kein Wunder, dass Biologen und Hobbygärtner schon relativ früh an die biologische Schädlingsbekämpfung dachten. Der große Naturforscher Carl von Linné sprach 1752 erstmals davon. Den praktischen Versuch machten die Engländer 1874, als sie Käfer nach Neuseeland transportierten. Und geradezu spektakulär erfolgreich verlief ein Versuch, als im Jahre 1899 australische Marienkäfer nach Kalifornien verschifft wurden, um dort die Zitrusfrüchte von Blattläusen und anderen Schädlingen zu befreien.

Ganz so einfach, wie das klingt, ist die Sache natürlich nicht. Wozu gibt es schließlich mehr als 4000 verschiedene Marienkäferarten (und in jedem Jahr werden immer noch neue entdeckt)? Zunächst kann man sich den Sinn dieser Vielfalt gar nicht erklären: Sollte es mehr als 4000 unterschiedliche Lebensbedingungen geben?

Es gibt sie: Manche Arten fressen nur eine ganz bestimmte Laus- oder Milbenart. Andere, wie unser europäischer Siebenpunkt- Käfer, sind flexibler und passen ihren Appetit dem Nahrungsangebot an. Es gibt Marienkäfer, die, vom Menschen einmal ausgesetzt, plötzlich erst eine Flugreise von mehreren hundert Kilometern unternehmen, bevor sie endlich anfangen zu fressen. Auf Holunderbäumen lebende Blattläuse werden von vielen Marienkäfern verschmäht, weil die Wirtspflanze einen Saft enthält, der im Körper des Käfers hochgiftige Blausäure abspaltet. Selbstverständlich spielen außerdem Temperaturen oder die Beutetier- dichte eine große Rolle, alles Dinge, die sich schwer kalkulieren lassen. Zur biologischen Schädlingsbekämpfung gehört viel Fingerspitzengefühl. Setzt man zuviel Käfer aus, werden die Beutetiere vielleicht zu schnell reduziert, und unterhalb einer bestimmten Dichte wandern die Marienkäfer, die eine Blattlaus nur auf eine Entfernung von wenigen Zentimetern erkennen können, einfach ab, Das heißt: Sie lassen sich vom Wind in wellenförmiger Flugbahn davontragen - oft viele Kilometer weit.

In der freien Natur, also ohne Einwirkung des Menschen, reguliert sich das Kräfteverhältnis zwi schen Räubern und Beutetieren gewöhnlich von selbst. Als in den heißen Sommern 1975 und 1976 der Blattlaus- bestand in Nordeuropa enorm angewachsen war, kam es prompt zu einer Marienkäferplage. Milliarden von Larven, die aus den Eiern geschlüpft waren, fanden genug Nahrung, um sich am Leben zu erhalten und zu verpuppen. In den Sommermonaten ballten sich dann Käfer an Ost- und Nordsee zu dunklen Wolken zusammen und bissen, als die Blattläuse vertilgt waren, sogar Urlauber.

Der biologische Ausgleich vollzog sich erst im nächsten Jahr: Als nämlich die Käfermassen, die den Winterschlaf überlebt hatten, ihre Eier gelegt hatten, fanden die Larven kaum noch Blattläuse. Sie wurden zum Kannibalismus gezwungen, das heißt: Wenige kräftige Larven ernährten sich von den schwächeren. Auf diese Weise normalisierte sich die Lage.

Wenn wir die rot-schwarzen Glücksbringer, die übrigens auch gelb, schwarz oder braun sein können, nützlich finden, dann ist das natürlich eine rein menschliche Perspektive. Für viele Pflanzen und Tiere sind Marienkäfer eine permanente Plage. Das kommt zunächst daher, daß einige Arten reine Pflanzenfresser sind. Sie befallen unter anderem Klee, Luzerne, Kartoffeln, Rüben oder manche Blumen. Berüchtigt ist der "Nelkenmarienkäfer". Aber auch im Tierreich ist der Marienkäfer ziemlich unbeliebt - nicht nur bei Blattläusen, unter denen er wütet wie der Wolf im Schafpferch. Größere Tiere, zum Beispiel Vögel, für die er normalerweise ein Leckerbissen wäre, meiden ihn wie die Pest. Der Grund: Die Körpersäfte sind gallebitter. Außerdem scheidet der Marienkäfer bei Gefahr gelbe Tröpfchen aus, die für Feindesnasen widerlich zu stinken scheinen. Es gibt allerdings doch einige Feinde, die das nicht abschreckt: Eidechsen, Spinnen, Frösche, Spitzmäuse und auch manche Vogelart.

Geradezu eine Intimfeindschaft besteht zwischen Marienkäfern und Ameisen. Während ein Marienkäfer die Blattläuse vernichtet, wo er sie finden kann, werden diese Beutetiere von Ameisen wie Milchkühe gehalten. Dringen Marienkäfer in die Weidegründe einer Ameisenkolonie ein, werden sie meistens angegriffen und vertrieben. Ameisen können mit ihren scharfen Beißzangen schnell ein Marienkäferbein abzwacken.

Um es gar nicht erst zu Auseinandersetzungen kommen zu lassen, treiben manche Ameisenarten ihre Blattläuse trotzdem unter die Erde. In "Ställen", die durch Wurzelgitter verschlossen sind, werden die "Milchkühe" gefüttert, gepflegt und regelmäßig gemolken. Dabei streichen die Ameisen sanft über den Körper einer Blattlaus, bis sie einen Tropfen des Körpersaftes ausscheidet.

Gekoppelt ist diese Viehhaltung manchmal mit einer Pilzzucht. Die Ameisen sägen im Wald große Stücke aus Blättern heraus und transportieren sie in ihren Bau unter der Erde. Dort zerkauen sie die Blätter zu einem dicken Nährbrei, auf dem dann bestimmte Pilzsorten wachsen. Mit diesen Blättern können auch Blattläuse gefüttert werden.

Kein Wunder, daß diese intensive Nahrungsproduktion wieder andere Feinde anlockt: Benachbarte Ameisenvölker belagern manchmal die unterirdische Festung und beginnen regelrechte Weidekriege um die eingesperrten Blattläuse.

Es ist doch immer wieder erstaunlich: Da ist man oft stundenlang spazierengegangen und hat kaum geahnt, was sich - quasi unter den Wanderschuhen - an Wundern der Natur verborgen hat. Und dabei wissen wir noch längst nicht alles. Erst vor kurzem haben britische Chemiker mit neuen Methoden festgestellt, daß allein unser siebenpunktiger Marienkäfer 18 fettlösliche orange bis rote Naturfarbstoffe produzieren kann, die bisher noch unbekannt waren. Was wird man bei den restlichen 4300 Arten wohl noch entdecken?

Klaus Gröper
(gefunden im PM-Magazin 5/1980)




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