Übergewicht überbewertet?

fatmen-02.JPG Zu viel Speck ist ungesund – so das Kredo seit Jahren. In die Kategorie »zu dick« fallen inzwischen immerhin etwa 60 Prozent der Erwachsenen in den USA und rund 50 Prozent in Deutschland. Könnte es aber sein, dass Dicksein an sich kein ernstes Gesundheitsrisiko darstellt, zumindest für die meisten der übergewichtigen oder gar fettleibigen Menschen? Schadet es womöglich mehr, als es nützt, alle bloß Übergewichtigen bis leicht Adipösen zum Abnehmen zu drängen?

Solche Thesen kollidieren mit Schätzungen, wonach mehr als 300 000 US-Bürger jährlich vorzeitig an den Folgen ihrer extremen Leibesfülle sterben. Ebenso widersprechen sie der Auffassung, infolge der zunehmenden Verfettung ganzer Nationen seit den 1980er Jahren würde dort eine Fülle medizinischer Probleme – darunter Diabetes, Herz-Kreislauf- Erkrankungen und Krebs – epidemische Ausmaße annehmen. Erst im März 2005 erschien in der Fachzeitschrift »New England Journal of Medicine« ein Spezialbeitrag, der solche Befürchtungen scheinbar bestätigte. Unter Federführung von S. Jay Olshansky von der Universität von Illinois in Chicago schätzte das zehnköpfige Autorenteam, dass auf Grund der Adipositas-Epidemie in den USA »der stetige Anstieg der Lebenserwartung, der in den letzten beiden Jahrhunderten zu beobachten war, möglicherweise bald zum Stillstand kommt«. Viele Medien, auch außerhalb der USA, griffen das Thema und insbesondere die Warnung auf, angesichts der Trends könne die Fettleibigkeit in den kommenden Jahrzehnten die Lebenserwartung voraussichtlich um bis zu fünf Jahre mindern.

Eine steigende Zahl von Akademikern hält allerdings Vertretern der Fachwelt, Gesundheitsbehörden und Medien vor, sie stellten die gesundheitlichen Konsequenzen der »Übergewichts- und Fettleibigkeitsepidemie« übertrieben dar. (Um Verwechslungen vorzubeugen: Übergewicht im medizinischen Sinne ist eine Vorstufe zur Fettleibigkeit, kein Oberbegriff für alles.) Solche Anschuldigungen werden unter anderem in einer Reihe neu erschienener Bücher erhoben, deren Verfasser an nichtmedizinischen öffentlichen Forschungsinstitutionen arbeiten. Diese Kritiker bestreiten nicht, dass sich der Anteil Fettleibiger in den USA und weiten Teilen Europas seit 1980 etwa verdoppelt hat. Sie geben auch zu, dass die Adipositas, vor allem in ihrer extremen Form, durchaus ein Risikofaktor für bestimmte Erkrankungen und vorzeitigen Tod zu sein scheint. Die Warnungen der Experten, Übergewicht und Adipositas würden eine massive, sich verschlimmernde Gesundheitskrise heraufbeschwören, halten sie aber für weit überzogen.

Schlimmer als die Pest

Zum Beispiel verwerfen sie spöttisch eine Äußerung von Julie L. Gerberding, Direktorin der Centers of Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta. 2003 erklärte sie, dass »keine Epidemie – sei es die Grippe oder die mittelalterliche Pest – so gravierende gesundheitliche Konsequenzen für unser Land und unsere Gesellschaft haben wird wie die Adipositas-Epidemie«. (Die verheerende Grippepandemie zwischen 1918 und 1919 forderte weltweit 40 Millionen Todesopfer, darunter 675 000 Amerikaner.)

In Wirklichkeit sei etwas anderes geschehen, behauptet Eric Oliver, Politologe an der Universität Chicago. Von ihm erschien jüngst das Buch »Obesity. The Making of an American Epidemic«. »Eine relativ kleine Gruppe von Wissenschaftlern und Medizinern, wovon viel unmittelbar finanziell von der "Abnehmindustrie" unterstützt werden, hat eine willkürliche, unwissenschaftliche Definition für Übergewicht und Adipositas geschaffen. Sie haben die Ansprüche hochgetrieben, Statistiken über die Folgen unserer Gewichtszunahme verzerrt und dabei die komplexen gesundheitlichen Fakten um das Dicksein weit gehend ignoriert.«

diagramm-fettleibige.JPG Paul Campos, Pro­fessor für Jura an der Universität von Colorado in Boulder, unterstreicht Letz­teres mit einem Beispiel. Es gebe weithin akzeptierte Belege, dass 50 bis 80 Prozent der Variation beim Fettansatz in einer Population durch genetische Unter­schiede zu erklären seien. Da keine der Methoden, die unbedenklich und auf breiter Basis praktikabel seien, langfristig das Gewicht um mehr als fünf Prozent reduziere, »ist der offizielle Rat, den Körper-Masse-Index (Body-Mass-Index) im "gesunden Bereich" zu halten, für viele Menschen schlicht und einfach unmöglich zu befolgen«. Dieser Index – bekannt unter dem allgemein gebräuchlichen englischen Kürzel BMI – errechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Anhand dieses Werts wurden die Gewichtsklassen definiert (siehe Kasten rechts).

Beide Kritiker behaupten, die Weltgesundheitsorganisation WHO sowie nationale Gesundheitsbehörden und Gesundheitsministerien stigmatisierten unbeabsichtigt einen großen Teil der Bevölkerung noch mehr, indem sie sowohl die Risiken des Dickseins als auch die Machbarkeit des Abnehmens übertrieben darstellten. Zugleich fördere dies ungewollt das Ausprobieren von unausgewogenen Diäten und am Ende – durch den so genannten Jojo-Effekt – vielleicht sogar weiteren Gewichtszuwachs. »Die größte Ironie ist, dass man hier womöglich eine Krankheit erst schafft, indem man sie als solche bezeichnet«, bemerkt Campos.

Derartige Argumente mögen zunächst abwegig erscheinen. »Wer sich die Fachliteratur genau anschaut und dennoch glaubt, Fettleibigkeit sei nicht schlecht, muss auf einem anderen Planeten leben«, meint James O. Hill, Adipositas- Forscher am Zentrum für Medizinische Wissenschaften der Universität von Colorado in Boulder. Laut den jüngsten Ernährungsrichtlinien des US-Gesundheits- und des Landwirtschaftsministeriums vom Januar 2005 ist »der hohe Anteil von Übergewicht und Adipositas hinsichtlich der öffentlichen Gesundheit sehr Besorgnis erregend, da überschüssiges Körperfett das Risiko erhöht für frühzeitigen Tod, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, schlechte Blutfettwerte, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle, Erkrankungen der Gallenblase, Störungen der Atemfunktion, Gicht, Arthrosen und bestimmte Arten von Krebs«. Die klaren Schlussfolgerungen lauten: Jegliches Zuviel an Gewicht ist gefährlich, und ein hoher BMI ist die Ursache und nicht nur ein Indikator für ein erhöhtes Gesundheitsrisiko.

Übergewicht sogar günstiger?

»Diese angenommenen gesundheitlich schädlichen Folgen von "Übergewicht" sind nicht nur übertrieben, sondern meistenteils fabriziert« – so Campos. Und tatsächlich deutet eine genauere Betrachtung neuerer epidemiologischer und klinischer Studien darauf hin, dass an der Kritik etwas dran sein könnte, wenn auch manche Anschuldigung wohl übertrieben ist.
Oliver beispielsweise verweist auf eine ungewöhnlich gründliche Neuanalyse der Daten dreier repräsentativer nationaler Beobachtungsstudien in den USA; diese fand nur eine minimal und statistisch nicht signifikant erhöhte Sterblichkeit der leicht adipösen Personen – verglichen mit »normalgewichtigen« Teilnehmern. Dabei wurden die Effekte anderer Einflussfaktoren wie Alter, ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht sowie Nikotin- und Alkoholkonsum herausgefiltert. Bei den drei Erhebungen handelt es sich um die National Health and Nutrition Examination Surveys I bis III (NHANES I bis III). Diese US-Gesundheits- und Ernährungsstudien, jeweils aus den frühen beziehungsweise späten 1970er sowie den frühen 1990er Jahren, haben die Analytiker mit den Sterberegistern neun bis 19 Jahre später abgeglichen. Wie Ergebnisse nun zeigen, besitzen übergewichtige erwachsene US-Amerikaner (BMI 25 bis 29,9) sehr wahrscheinlich sogar ein geringeres Risiko, vorzeitig zu sterben, als die Gruppe mit dem als gesund angesehenen Normalgewicht (BMI 18,5 bis 24,9). Dies bedeutet, dass das übergewichtige Segment der »Übergewichts- und Adipositas-Epidemie« wahrscheinlich eher zur Reduktion der Todesraten beiträgt als zur Steigerung. »Zu dieser Kategorie gehören aber die meisten Amerikaner, die zu viel auf die Waage bringen«, betont Campos.

Entgegen den Erwartungen ist »Untergewicht, das allerdings nur einen kleinen Teil der Bevölkerung betrifft, sogar mit mehr zusätzlichen Todesfällen assoziiert als die Adipositas vom Grad I (BMI 30 bis 34,9)«, erklärt Katherine M. Flegal, Wissenschaftlerin an den CDC. Sie leitete die Studie, die am 20. April im angesehenen »Journal of the American Medical Association« erschien. Zuvor hatten Wissenschaftler der CDC, des Nationalen Krebsinstituts in Bethesda (Maryland) sowie unabhängige, von der Zeitschrift beauftragte Experten das Ganze monatelang auf Stichhaltigkeit geprüft.

Diagramm fettleibigkeit2.JPG Diese neuen Resultate widersprechen zwei zuvor veröffentlichten Abschätzungen, auf denen die häufig wiederholte Behaup­tung fußt, Adipositas sei schuld am vorzeitigen Tod von jährlich mindes­tens 300 000 Menschen allein in den USA. Es besteht jedoch der wohlbegründete Ver­dacht, dass diese beiden früheren Schätzungen an zweifel­haften Annah­men, statis­tischen Fehlern und veralteten Messwerten kranken (siehe Kasten rechts).

Betrachteten Flegal und ihre Mitarbeiter NHANES III allein – die aktuellste Erhebung, die Körpergröße und Gewicht von 1988 bis 1994 sowie Sterbedaten bis 2000 erfasste –, fand sich selbst für hochgradige Fettleibigkeit kein statistisch signifikantes höheres Sterberisiko. Woran liegt das? Flegal vermutet, die Verbesserung der medizinischen Versorgung in den letzten Jahrzehnten habe das Mortalitätsrisiko, das sonst mit Adipositas einhergeht, gesenkt. Für diese Hypothese spreche sowohl der ungebrochene Anstieg der Lebenserwartung als auch der stete Rückgang von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfällen als Todesursache in eben den letzten 25 Jahren, in denen der Prozentsatz Adipöser stark gewachsen ist.

Doch wie steht es um den künftigen Tribut einer um zwei bis fünf Jahre reduzierten Lebenserwartung, vor der Olshansky und David B. Allison, einer der Koautoren, so eindringlich warnen? »Uns ging es nur um eine grobe plausible Abschätzung«, verteidigt sich Allison auf Nachfrage, »wir haben sie nie als präzise Zahlen ausgegeben« – und das übrigens auch so im Text geschrieben. Zwar zitierten viele Medien die Angabe »zwei bis fünf Jahre«, doch erwähnten die wenigsten, dass es sich nicht um eine statistische Analyse handelte.

Die berechnete künftige Reduktion der Lebenserwartung beruhte auf einer Reihe vereinfachender, aber unzutreffender Wenn-dann-Kalkulationen:

arrow-12x14.JPG Jeder heute übergewichtige Amerikaner habe einen BMI von 30 oder alternativ 35 (die Ober- und Untergrenze des Bereichs Adipositas Grad I).

arrow-12x14.JPG Der Vergleichsmaßstab sei eine fiktive Population, in der alle bis zu einem »optimalen « BMI von 24 abnehmen würden (obere Spanne des »gesunden Bereichs«) und in der Untergewicht die Sterblichkeit nicht erhöht.

arrow-12x14.JPG Das adipositasbedingte Sterberisiko bleibe über den gesamten Zeitraum gleich und künftiger medizinischer Fortschritt habe keinerlei Einfluss darauf.

Die als Ausgangsbasis dienenden Risikodaten waren überdies mehr als zehn Jahre älter waren als jene, die Flegal einbezog und die den dramatischen Fortschritt in der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes zutreffender abbilden.

Sind diese Vereinfachungen vertretbar, dann verkürze sich – so Olshansky und seine Kollegen – die Lebenserwartung der amerikanischen Bevölkerung gegenwärtig um vier bis neun Monate gegenüber der fiktiven Vergleichspopulation. Die viel stärkere Verkürzung »um zwei bis fünf Jahre« war lediglich eine pessimistische Schätzung der Verhältnisse in »kommenden Jahrzehnten«, wenn mehr und mehr adipöse Kinder in die Erwachsenengeneration aufrücken und dort das Fettleibigkeitsproblem weiter verschärfen würden. In der Kindheit aufgebautes Übergewicht mündet oft in Gewichtsprobleme im Erwachsenenalter.

Angesichts der vielen Unsicherheiten wurde erst gar nicht geprüft, ob die derart ermittelte Zahl verlorener Lebensmonate signifikant verschieden von null ist. In zahlreichen Interviews schien aber David Ludwig, ein weiterer Koautor, seiner Sache völlig sicher, wenn er die Effekte steigender Fettleibigkeitsraten mit »einem gewaltigen Tsunami, der auf die Vereinigten Staaten zurollt« verglich.

Kritiker bezeichnen Episoden wie diese als typisch für eine allgemeine Tendenz in einschlägigen Fachkreisen. Experten stellten den wachsenden Taillenumfang der Bevölkerung gewöhnlich als drohendes Desaster dar, weil »dies natürlich ihre Position stärkt und mehr Forschungsgelder einbringt. Staatliche Gesundheitsstellen wiederum begründen damit ihre Mittelvergabe«, schreibt Oliver. »Und die Pharmaindustrie rechtfertigt damit neue Mittel zur Therapie.«

Beim Kampf gegen Fett gehe es eigentlich ums Geld, pflichtet Campos bei und verweist auf die finanzielle Unterstützung, die einflussreiche Adipositas-Forscher von zahlreichen Medikamenten-und Nahrungsmittelherstellern erhalten. Allison beispielsweise, Professor an der Universität von Alabama in Birmingham, legt finanzielle Zuwendungen von 148 solcher Firmen offen, und Hill ist als Berater für einige dieser Unternehmen tätig. Allerdings unterstellt ihnen keiner der Kritiker mehr als einen potenziellen Interessenkonflikt. Flegal und ihren Kollegen ist als Mitarbeitern der CDC die Annahme von Geldern von nichtstaatlicher Seite ohnehin untersagt.

Selbst die derzeit besten Mortalitätsstudien bieten nur ein fehlerbehaftetes, unvollständiges Bild der gesundheitlichen Konsequenzen der Adipositas-Epidemie – aus drei Gründen:

arrow-12x14.JPG Bei den bisherigen Untersuchungen wurde die Tatsache ignoriert, dass die menschlichen Körpermaße eine gewisse natürliche Variationsbreite aufweisen und jede wohlgenährte Gruppe somit einige adipöse Menschen umfasst. Der Begriff Epidemie in diesem Zusammenhang bezeichnet einen plötzlichen Anstieg dieses Basisanteils – und nicht das bloße Vorkommen von Fettleibigkeit an sich. Eine korrekte Bilanz, wie viele Menschenleben diese Epidemie verkürzt, dürfte also nur den Beitrag berücksichtigen, der von einer über der Norm liegenden Adipositas herrührt.
arrow-12x14.JPG Die Analysen verwenden zwar den Körper-Masse-Index als bequemen Näherungswert für das vorhandene Körperfett, doch ist der BMI nur ein indirektes Maß und in dieser Hinsicht begrenzt aussagefähig.
arrow-12x14.JPG Die Mortalität ist nicht das Einzige, was uns bekümmern sollte. Auch auf Gesundheitszustand und Lebensqualität kommt es an.

Widersprüchliche Befunde

Keiner wird abstreiten, dass extreme Fettleibigkeit das Risiko für zahlreiche Krankheiten erhöht, doch diese Kategorie mit einem BMI von über 40 erreicht nur jeder zwölfte der rund 130 Millionen zu dicken amerikanischen Erwachsenen. Die Frage ist, ob der steigende Anteil lediglich übergewichtiger oder leicht bis mäßig adipöser Menschen die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes erhöht. Für Herzerkrankungen zumindest ist dies anscheinend nicht der Fall – oder noch nicht. Da die Gesundheitsbehörden der USA nicht jedes Jahr die Rate neu diagnostizierter Herz-Kreislauf-Erkrankungen ermitteln, schauen die Wissenschaftler stattdessen auf die Trends bei periodisch erhobenen Daten wie Mortalität oder Häufigkeit relevanter Risikofaktoren. Beide zeigen in den letzten Jahrzehnten fallende Tendenz.

Ein Beispiel: Gleichzeitig mit Flegals Artikel erschien in derselben Zeitschrift eine Arbeit von Edward W. Gregg und seinen Kollegen von den CDC, wonach der Prozentsatz von Erwachsenen mit Bluthochdruck in den USA von 1960 bis 2000 um die Hälfte gesunken sei. Der gleiche Trend zeigte sich für einen erhöhten Cholesterinspiegel – und beide Parameter nahmen bei Übergewichtigen und Adipösen stärker ab als bei Normalgewichtigen. Obwohl Bluthochdruck bei fettleibigen Menschen immer noch zweimal häufiger vorkommt als bei schlanken, haben »adipöse Personen heute bessere [Herz-Kreislauf-]Risikoprofile als schlanke Menschen vor 20 bis 30 Jahren«.

Die neuen Ergebnisse untermauern eine im Jahr 2000 veröffentlichten 10-Jahres-Studie der WHO, bei der 140.000 Menschen aus 38 Städten auf vier Kontinenten untersucht wurden. Das Team um Alun Evans von der Queen’s-Universität im nordirischen Belfast beobachtete weithin eine Zunahme des durchschnittlichen BMI und eine ebenso breite Abnahme bei Bluthochdruck und hohem Cholesterinspiegel. »Diese Befunde sind schwer miteinander zu vereinbaren«, schrieb das Team damals.

Uebergewicht-Prophilaxe.JPG Möglicherweise haben die bessere Diagnose und Therapie von Bluthochdruck und Fettstoff wechselstörungen – so Gregg von den CDC – jegliche adipositasbedingte Zunahme dieser Erkrankungen überkompensiert. Auch könnte es sein, dass sich adipöse Menschen heute mehr bewegen als früher üblich, denn regelmäßige körperliche Aktivität gilt als eine wirksame Vorbeugung vor Herzerkrankungen.

Oliver und Campos diskutieren eine weitere Möglichkeit: dass Fettleibigkeit, zumindest teilweise, lediglich als ein sichtbarerer "Marker" für andere Risikofaktoren fungiert, die wichtiger, aber schwerer zu erkennen sind. Ernährungsweise, körperliche Fitness, Stress, Einkommen, Veranlagung und das Fettverteilungsmuster (Stichwort: Bierbauch) – sie verkörpern nur einen Bruchteil der vielleicht hundert beschriebenen "unabhängigen" Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Beobachtungsstudien, die Fettleibigkeit mit Herzkrankheiten in Verbindung bringen, ignorieren fast alle diese Faktoren und lasten daher praktisch deren Einfluss der Adipositas an. »Nach dem gleichen Prinzip«, schreibt Oliver, könne man behaupten, »nicht das Zigarettenrauchen, sondern muffige Kleider, gelbverfärbte Zähne oder schlechter Atem seien an Lungenkrebs schuld.«

Diagramm fettleibigkeit-3.JPG Nach einer 2003 veröffentlichten Studie, an der 900.000 erwachsene Amerikaner 16 Jahre lang teilnahmen, sterben übergewichtige und leicht adipöse Personen signifikant häufiger an bestimmten Arten von Tumoren. Die meisten dieser Krebsarten sind jedoch sehr selten und verursachten jährlich höchstens einige Dutzend Todesfälle pro 100.000 Studienteilnehmer. Was häufige Formen anbelangt, so hatten Frauen mit hohem BMI ein geringfügig höheres Risiko für Dickdarmkrebs sowie für Brust­krebs nach den Wechsel­jahren. Bei übergewich­tigen und adipösen Männern war es vor allem Dickdarm- und Prostatakrebs. Hingegen schien eine gewisse Beleibtheit beide Geschlechter signifikant vor Lungenkarzinomen zu schützen, der Krebsart, die jährlich die meisten Todesopfer fordert (siehe Kasten rechts oben). Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, wenn die Effekte des Rauchens berücksichtigt wurden.

Die größte Gesundheitsgefahr scheint Fettleibigen von Altersdiabetes – Diabetes mellitus Typ 2 – zu drohen. Zwischen Fettgewebe, Insulinproduktion und hohem Blutzuckerspiegel bestehen biologische Zusammenhänge. Die CDC schätzen, dass 55 Prozent der erwachsenen Diabetiker adipös sind, verglichen mit nur 31 Prozent der Allgemeinbevölkerung. Zudem hat neben der Adipositas auch die Häufigkeit der Zuckerkrankheit zugenommen, was einen kausalen Zusammenhang vermuten lässt.

Fett und Zucker

Die Kritiker widersprechen jedoch Aussagen, dass Diabetes (sogar bei Kindern) rapide zunimmt, dass Übergewicht die Ursache ist und dass Abnehmen das Problem löst. In einer Analyse aus dem Jahr 2003 kamen die CDC zu dem Schluss, dass »der Prozentsatz an Diabetes, ob diagnostiziert oder nicht, sowie an erhöhtem Nüchtern-Blutzucker in den 1990er Jahren offenbar nicht substanziell gestiegen ist« – trotz steilen Anstiegs der Fettleibigkeit.

Diagramm fettleibigkeit-4.JPG Ein »nichtdiagnostizierter Diabetes« besteht nach den Kriterien der CDC bei Menschen mit einem einmalig erhöhten Blutzuckerwert. Bei mindestens zweimalig erhöhten Werten gilt die Diagnose als gesichert. In seinem Artikel vom April wiederholt Gregg die oft zitierte "Tatsache", dass auf fünf Erwachsene mit gesicherter Zuckerkrankheit jeweils drei weitere nichtdiagnostizierte Fälle kommen. "Verdacht auf Diabetes" wäre der bessere Begriff , da der Einzeltest, wie ihn die CDC verwenden, möglicherweise wenig aussagekräftig ist.

Bei einer 2001 publizierten Studie aus Frankreich, die 5400 Männer umfasste, erwiesen sich 42 Prozent der Probanden, die nach der CDC-Methodik "positiv" waren, 30 Monate später als nicht zuckerkrank. Für diesen Nachtest wurde eine als Goldstandard dienende Referenzmethode verwendet. Die Rate falsch negativer Ergebnisse hingegen – also der Anteil echter Diabetiker, der durch die Maschen des CDC-Einzeltest schlüpfte – lag bei gerade 2 Prozent.

Man schaue aber einmal auf das wachsende Gewicht der jungen Generation, insistiert der Adipositas-Forscher Hill. »Wir sehen heute Kinder von zehn bis zwölf Jahren, die einen Typ-2-Diabetes entwickeln. Zwei Generationen zuvor gab es überhaupt keine mit Altersdiabetes.«

Einzelfälle führten oft in die Irre, entgegnet Campos und verweist darauf, dass unter den 2867 jugendlichen Teilnehmern der NHANES-III-Studie von 1988 – 1994 laut CDC nur vier mit Typ-2-Diabetes zu finden waren. Bei einer enger gefassten Studie in Italien wurden 710 massiv fettleibige Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren untersucht. Unter diesen dicksten der Dicken – von denen mehr als die Hälfte zuckerkranke Verwandte und damit wohl eine Veranlagung hatte – litt nur einer an Typ-2-Diabetes.

Trotz allem: Mindestens drei Prozent der erwachsenen US-Bürger dürften auf Grund ihrer Adipositas zuckerkrank sein – sofern Fettleibigkeit tatsächlich die Hauptursache dafür ist. Große Langzeitexperimente bieten die beste Möglichkeit, vermutete kausale Zusammenhänge zu prüfen, besonders wenn es gelingt, nur einen einzigen Faktor (wie das Körpergewicht) zu verändern, aber möglicherweise störende Einflüsse konstant zu halten. Bei so genannten randomisierten kontrollierten Studien werden die Probanden nach dem Zufallsprinzip beispielsweise einer Behandlungs- und einer Vergleichsgruppe zugeordnet. Bei hinreichend großer Zahl sollten in beiden Ausgangsgruppen Merkmale, die Einfluss auf das Ergebnis haben könnten, einigermaßen gleich verteilt sein. Erst wenige solcher Studien wurden von Adipositas-Forschern durchgeführt.

Einmal dick, immer dick?

»Wir wissen nicht, was geschieht, wenn man Dicke dünn macht«, erklärt Campos. »Nicht dass irgendetwas versäumt wurde, es ist ganz einfach nicht durchführbar« – außer durch chirurgische Eingriffe, die mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen verbunden sind.
»Rund 75 Prozent der amerikanischen Erwachsenen versuchen zu einem gegebenen Zeitpunkt gerade abzunehmen oder ihr Gewicht zu halten«, erklärt Ali Mokdad, Leiter einer Abteilung der CDC, die das Verhalten der Bevölkerung beobachtet. Die Marktforschungsfirma Marketdata Enterprises schätzt, dass im Jahr 2004 etwa 71 Millionen Amerikaner eine Diät machten. Insgesamt gaben die US-Bürger damals für Produkte und Programme zur Gewichtsreduktion 46 Milliarden Dollar aus.

Diäten erfreuen sich nun schon seit Jahren steigender Beliebtheit. Auch die Zahl chirurgischer Eingriffe zur Magenverkleinerung oder zum Einsetzen eines Magenbandes ist nach Erhebungen der Marktforscher von 36.700 im Jahr 2000 auf 140.000 im letzten Jahr hochgeschnellt. In der jüngsten Folgestudie der CDC fanden Flegal und andere Forscher aber unter den nichtadipösen Senioren nur 6 Prozent, die zehn Jahre zuvor adipös gewesen waren. Einmal dick – immer dick?

Diäten seien bei vielen Menschen auf Dauer nicht nur wirkungslos, sondern geradezu kontraproduktiv, meint Campos. Laut einer großen Studie der Harvard-Universität an Krankenschwestern hatten 39 Prozent der Frauen nach einer Gewichtsreduktion postwendend wieder zugelegt. Später brachten sie sogar durchschnittlich 4,5 Kilogramm mehr auf die Waage als Frauen, die nicht abgenommen hatten. Befürworter der Gewichtsreduktion verweisen aber auf zwei Studien aus dem Jahr 2001: 58 Prozent weniger neudiagnostizierte Diabeteserkrankungen waren zu verzeichnen, wenn sich Menschen mit hohem Risiko für "Zucker" besser ernährten und mehr bewegten. Die Teilnehmer nahmen allerdings im Schnitt nur geringfügig ab: in der einen Studie um 2,7 Kilogramm nach zwei Jahren, in der anderen um 5,6 nach drei Jahren.

»Vielfach wird behauptet, diese Studien bewiesen, dass Abnehmen Diabetes vorbeugt. Dies ist nicht richtig«, bemerkt Steven N. Blair, Adipositas-Forscher am Cooper-Institut in Dallas (Texas). Der Grund: Es gab keine Vergleichsgruppe, die sich ausgewogen ernährte und regelmäßig bewegte, ohne abzunehmen. Daher ist nicht auszuschließen, dass die geringe Gewichtsabnahme lediglich ein Nebeneffekt der Verhaltensänderung war, die vielleicht eigentlich zählte. Tatsächlich schloss eine der Forschergruppen im Januar 2005 aus einer Folgestudie, dass »mindestens zweieinhalb Stunden Gehtraining pro Woche im Nachbeobachtungszeitraum das Diabetesrisiko um 63 bis 69 Prozent zu reduzieren scheint, und zwar weit gehend unabhängig von Ernährungsfaktoren und dem BMI.«

Der amerikanische Publizist und Kritiker Henry Louis Mencken sagte einmal: »Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung – und die ist falsch«, bemerkt Blair amüsiert. »Wir müssen endlich damit aufhören herumzuposaunen, dass Dicksein schädlich ist, dass Dicke ein Übel und willensschwach sind und dass alles eitel Sonnenschein wäre, wenn wir allesamt abnehmen. Wir müssen das Ganze wesentlich umfassender betrachten. Ich kann allerdings nicht erkennen, dass dies geschieht.«


W. Wayt Gibbs.JPG W. Wayt Gibbs
(Wissenschaftsjournalist bei Scientific American).

Quelle: Spektrum der Wissenschaft -10/2005



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